(Vorab, ich bin kein Fan von „Namedropping“ und ja, als Frau warst und bist Du in dieser Kultur erst mal Toy oder Groupie, jaja)

Gülsen der Teenager

Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen. Meine Jugend war wild, ein wenig verwahrlost und ich war immer auf der Suche nach mir selbst. Erst auf dem Skateboard, dann auf Partys Suburbaner Kulturen, die in den 90er Jahren Ihre Hochzeiten hatten wie HipHop, Jungle und sogar ein wenig House bzw. Techno.

Zwischen den Kulturen auf der Suche nach einem Weg

Mein Vater war mal Atheist, mal Theist, meine Mutter kulturell verankert aber nicht religiös. Ich durfte viel bis zur Pubertät, ich würde sagen es war wunderbar. Ich durfte draußen spielen, durfte schon früh selbstständig einkaufen gehen. Auf einmal war alles vorbei die Freiheit, die Gleichheit, die Liebe denn, „Du bist jetzt ein großes Mädchen, wir sind keine Deutschen, du kannst nicht wie die anderen deutschen Jugendlichen hier sein“, waren die Worte vor allem meiner Mutter. Wahrscheinlich vieler Orientalischer Mütter. Die Angst vor Identitätsverlust ist sehr groß für Migranten hier. Ich dachte so, „wie jetzt, ihr seid in ein Viertel gezogen, wo fast keine Türken leben und jetzt soll ich auf einmal diese klassische Lebensweise der Türken annehmen, die ihr eigentlich auch nicht seid?“ Es war der Beginn einer Odysee von zig Ausreißereien, Machtkämpfen und endlosen Sümpfen die nie enden wollten. Ich wollte meine Freiheit wieder zurück, die ich als Kind bekommen hatte. Also holte ich sie mir mit Gewalt und voller Trotz. Jetzt wo ich selbst Mutter bin, denke ich so, „Gott, was habe ich meinen Eltern bloß angetan?“ Es hätte besser laufen können. Eine Suchende war ich…bin ich vielleicht immer noch.

Das kleine Licht

Doch da war immer ein kleines Licht und das war die Musik, das war die Kunst. Wenn ich den Stift in den Händen hielt, fühlte ich mich frei, so frei das alle Toiletten mit meinen „Tags“ vollgekritzelt waren. Wenn die Musik anging, fühlte ich mich wie auf einem anderen Planeten und tanzte mich stundenlang in Extase, hauptsache die Bassline war fett und der Rhytmus stimmte.


Auf der Suche nach einem Meister

Ich wollte mit Gleichgesinnten unterwegs sein, Menschen die auch auf der Flucht waren vor sich selbst, Menschen denen mein kultureller Hintergrund erst einmal egal war, weil die Musik und Kultur zusammenschweißte. Subkulturen bieten genau das. Das war ich auch. Meistens mit Menschen die mir auch heute noch ein Lächeln ins Gesicht zaubern, weil es eine gute Zeit war, Chauvinistischen Männer, gerade in der HipHop Kultur waren natürlich auch dabei. Ich kann heute sagen, das ich die schönsten aber auch die schlimmsten Zeiten in dieser Kultur hatte. Ich war auf der Suche nach einem Lehrer, der mir zeigte wie das Musik machen funktionierte, wie das Ding mit dem Sprühen wirklich funktionierte, wie man „breaked“ (ich wünschte damals hätte es schon Youtube gegeben :-D)…Ich war auf der Suche nach einem Meister und Lehrer und habe zig Lehrer, Gelehrte aber auch halbe Männer auf meinem Weg getroffen. War ich denn damals als ganz Gülsen unterwegs? Mein B-Girl Name war Coco-Fresh…

Dieser eine HipHop Laden

Da war dieser eine Laden, der Treffpunkt der HipHop-Szeneleute, der Rapper, Breaker, Writer, in dem neuen Dinge ausgelotet wurden, Deals unter Künstlern geschlossen wurden und durch den die besten HipHop Jams organisiert wurden. Ich liebte diesen Laden obwohl ich immer ein Aussenseiter war. Egal wie sehr ich versuchte, irgendwie in diesen eingeschworenen Haufen hinein zu kommen, ich hatte keine Chance obwohl ich es sogar geschafft habe eine kurze Zeit dort zu Arbeiten. Wann ich immer dort war, fragte ich immer sehr viel, ich wollte alles über die HipHop-Kultur wissen. Irgendwann als ich dann begann mich richtig mit Funk und Soul auseinander zu setzen, Stundenlang verbrachte um irgendwelche Sounds bei EMule oder Rapidshare runter zu laden. Ich stand im Kreis mit den Jungs und sprang herum, wenn Master Ace gespielt wurde, rappte die Texte mit…Endlich wurde ich akzeptiert.

Mein erstes richtiges Mixtape

hatte ich auch von dort, es war von Toni Touch und hieß „Hotshit #56“ (Okay, ist auch „Namedropping“ aber hier geht es nicht anders :-D). Ich hörte das erste Mal Rah Digga und dachte so, „Boah, was für eine tolle Frau! So will ich auch mal rappen“ und lernte den Text dieses einen Liedes auswendig „My Ladies run this MF“, besser gesagt das ganze Mixtape. Dieses Mixtape mussten sogar meine Eltern den ganzen Weg im VW Bus in die Türkei hören denn es war so wunderbar :-D.  Es gab bestimmt viele Gründe warum ich nie wirklich komplett in diesen Kreis zu Beginn aufgenommen wurde. Als Künstler musst dich egal in welche Kunstform du dich befindest, immer erst einmal beweisen, zeigen wie ernst du es meinst, den Segen von den Ältesten bekommen. Frauenbonus gibt es hier einfach nicht. Es geht immer um das was du leistest.

Starke Frauen in der HipHop Kultur

sind immer noch selten. Stark heißt nicht für mich seinen blanken Hintern in den Videos zu Bewegen und sexisitsche Sachen zu sagen und zu demonstrieren, „Hey ich bin frei!“ Stark heißt für mich komplett in Tune mit sich und seiner weiblichen Urnatur zu sein. Respekt einzufordern und sogar ein wenig Liebe. Es wäre schön, wenn es ein wenig mehr Menschlichkeit hier geben würde.


Die erste Begegnung mit Breakern


Die ersten Breaker habe ich mit 14 Jahren „im Haus der Jugend“ meiner Heimatstadt getroffen. Ich hing teilweise dort ab und wollte natürlich auch Anfangen zu Breaken, vor allem nachdem ich den Film „Beatstreat“ gesehen hatte. Leider waren die Jungs nur „Powermover“, das sind Tänzer die eigentlich tatsächlich nur Turnübungen auf die Musik machen. Sieht super aus, wird auch am Liebsten gebucht, ist aber einfach nicht wirklich Tanzen in meinen Augen sondern Akrobatik (Hierzu habe ich auch zig Diskussionen geführt). Keiner zelebrierte Footworks, Richtiges Toprocking oder Uprocking, wie ich es mit einer sehr coolen Crew dann 5 Jahre später zu Lernen begann. Eins war klar, „Powermoverin“ würde ich wohl nicht werden, also ließ ich es dann doch wieder.


Der Beginn von etwas Neuem

Es sollte fünf Jahre später jedoch ein Revival geben und daran war sozusagen ein Locking Tänzer „schuld“. Wir haben uns irgendwie angefreundet, als es ihm nicht so gut ging. Er hatte gesundheitliche Probleme nach einer Schulter OP, war ziemlich schlecht drauf weil er nicht tanzen konnte und brauche einfach seelisch, moralischen Beistand. Wir philosophierten im „wahrsten Sinne“ über Gott und die Welt, denn er wurde später auch christlich fundamental, was aber nie mein Ziel war. Ich war spirituell, wusste ein wenig etwas über Sufismus, glaubte an eine „Kraft“. Doch mit dem Islam wie ich ihn als Türkin sah, konnte ich mich nicht identifizieren. Männer dürfen so viele Frauen haben wie sie wollen, Kinder werden zwangsverheiratet mit alten Männern, etc. Das ist ja aber wieder einen eigenen Blogbeitrag wert. 


Der richtige Einstieg gold wert

Durch diesen Kollegen bin ich dann zu seiner damaligen Crew gekommen bei denen ich die Anfänge der Tanzkultur gezeigt bekam, mitunter von einem der ersten deutschen „Alten Tanzheads“, der 10 Jahre später an einer Alkoholvergiftung gestorben ist. Heute reflektiert denke ich, ohne Mitgefühl wäre ich wahrscheinlich nie in diesen Männerverband der Breaker aufgenommen worden, auch wenn sich diese Crew dann neu formierte ohne mich, lange ohne irgendwelche Frauen. Eine neue Ära begann…Ich weiß heute, was es wert war, den Einstieg mit guter Funkmusik, Fusionjazz und echtem Concious Rap zu bekommen. Es war gold wert, denn es ging ums Tanzen und die „wahrhafte HipHop Kultur“. Mit den Jungs war es selbstverständlich seinen Namen zu „Taggen“, Jazz zu hören, über gute Musik zu philosophieren und auf Funk und Underground-Parties in diesen „einen Keller“ zu gehen. Trotz allem ist es immer so eine Sache, wie bereits erwähnt, als Mädchen damals irgendwo in einen festgefahrenen Männerverband hinzu zu kommen. Ich musste mich beweisen bis…


zum letzten Training

Ich erinnere mich noch sehr gut. Es war in einem Forum der Jugend, unten trainierten wir, oben war jedoch ein Türkischer Volkschor. Immer wenn ich zum Training kam und ging, hörte ich ihren Gesang. Es war als würde ich wieder nach Hause gehen und mit meinen Ahnen Frieden schließen. Nach einem halben Jahr, stand ich auf einmal vor dieser Tür, in der gleichen Location wo mein Tanztraining im Keller war und atmete ein und aus konzentrierte mich, öffnete die Tür, fast alle lächelten, ich wusste „hier will ich bleiben!“. Für die Chormitglieder war ich ein Exot, doch Sie nahmen mich trotzdem sehr herzlich auf,  es fühlte sich so an als wäre ich für sie die verloren gegangene Tochter. Die Tanzerei war erst Mal vorbei und herein kam die Gitarre, die Saz und der Einstieg in die Mystische Welt der türkischen bzw. orientalischen Musik.


Das Rappen, Singen und Musizieren

Gesungen habe ich als Teenager meist nur für mich. Ich erinnere mich noch, es gab so einige Mädels die so schön im Haus der Jugend gesungen haben, ich dachte nicht, das ich an das Level dran komme. Sie waren einfach alle so mutig. Also schrieb ich Gedichte und Raptexte, die ich auch auf ein bis zwei Mixtapes noch rumfahren habe. Gut gerappt habe ich aber nicht :-D. Ich war bei einigen Freunden, die auch Homestudios hatten und versuchten mich immer wieder zu motivieren jedoch war mein Selbstbewusstsein jedoch war nicht das Größte also ließ ich es. Ich hatte einfach Angst vor dem Record Knopf.

Doch beim Singen gelandet

Der Gesang sollte sich dann schlussendlich doch als mein Element beweisen vor allem in Begleitung eines Saiteninstrumentes. Vor allem als mir dieses eine „Compilation Album“ mit Sarah Vaughan, Ella Fitzgerald, Abbey Lincoln, Helen Humes und Billie Holiday in meine Hände fiel. Jazz ist kulturell für mich absolut wie HipHop. Sie nähren sie aus demselben Geist, aus derselben Formel aus demselben O-Ton (Warum ich das so sage, werde ich in einem eigenen Blogbeitrag aufarbeiten:-))Auf einmal hatte ich den Sound gefunden, den ich brauchte zum Mitsingen. Den ersten Auftritt hatte ich dann auf einer sehr schönen Veranstaltung die „House meets Jazz“ hieß.

Mit der Gitarre auf Wurzelsuche

So richtig sollte es dann aber erst mit der Gitarre und dem türkischen Chor losgehen und in dieser Zeit lernte ich durch Musik meine Muttersprache erneut. Ich liebe HipHop noch heute und alles was so dazu gehört, doch es gab damals noch etwas das weiter reichte in diesem Universum und das war ich selbst. In meinen zahlreichen Aufenthalten in NY habe ich mich einfach immer wieder gefragt, „werde ich in all diesen Gesprächen, Debatten und Einflüssen als nächstes ein Blackpanther, oder? Ist das überhaupt mein Kampf? “ Zur selben Zeit gingen die Unruhen in der Türkei los, es sollte nicht mein Kampf werden…erst einmal…


Das Malen bzw. Grafikkram

Ich habe es ehrlich gesagt nie geschafft, etwas einigermaßen schönes mit „Cans“ (Spraydosen) auf die Wand zu bringen, jedoch habe ich mir am Rechner den einen oder anderen Griff mit einem Vektorprogramm beigebracht und hatte die Ehre einige „Pieces“ für einen New Yorker Writer zu Vektorisieren und aufzuarbeiten, damit er sie Plottern konnte. Wieder hat Empathie Tür und Tor nach New York geöffnet und wieder war es die Fürsorge für einen Menschen, den ich in Not fand, die alles beginnen ließ. Das Interessante an dieser ganzen Kultur ist, das keiner zugibt das es ihm schlecht geht. Jetzt mit den sozialen Medien ist es sogar fast noch schlimmer. Alle glänzen mit Ruhm, aber die Mieten können sie meist doch nicht bezahlen. Deswegen sind solche Plattformen wie Patreon auch so wichtig in der heutigen Zeit. Sie geben einem Künstler die Möglichkeit, wenigstens irgendwie durch seine Kunst Geld zu verdienen…
Würde ich diesen Weg noch einmal gehen? Yap. 🙂